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Ein Ende des Wachstums – Neue Formen des gemeinwohl-orientierten Wirtschaftens: notwendig und realistisch?

Am 8. Mai 2018 zwischen 17h00 und 19h00 fand im großen Hörsaal der Hamburg School of Business Administration eine, durch die Handelskammer initiierte, Podiumsdiskussion statt. Es diskutierten Stephan Engel (Head of CSR bei Otto), Prof. Dr. Niko Paech (Universität Siegen, Plurale Ökonomik), Dr. Heiko Schäfer (CEO Tom Tailor), Prof. Dr. Dr. h.c. Wagner (DIW Berlin) und Nils Wittke (Gemeinwohlökonomie). Moderiert wurde die lebhafte Debatte von Prof. Dr. Sarah Jastram (Hamburg School of Business Administration).

Diskutiert werden sollten neue Formen des Wirtschaftens, mögliche Grenzen des Wachstums und der Umgang mit diesen Grenzen. Das sehr progressive Thema für eine Podiumsdiskussion der Handelskammer ermöglichte es besonders der Postwachstums- und Gemeinwohlökonomie Alternativen zum Ist-Zustand aufzuzeigen, und zu ermutigen, Handlungspionier im Bereich nachhaltiges Wirtschaften zu werden. Spannend ist im Hinblick darauf insbesondere die Zusammensetzung des Podiums, da Vertreter der Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen über Theorie und Praxis diskutieren. Im Folgenden werden einzelne Aspekte der Podiumsdiskussion aufgegriffen.

Einleitend spricht Prof. Dr. Paech über die Postwachstumsökonomie. Diese beinhaltet die Überzeugung, dass die Verteilungsmasse auf dieser Welt begrenzt ist und wir über unsere Verhältnisse hinaus leben. Ein Rückbau unseres Wohlstandes muss eingeleitet werden, um die Lebensverhältnisse zurückzufahren. Diesen Rückbau organisiert die Postwachstumsökonomie. Gleichzeitig spricht sich Prof. Dr. Paech für die Schaffung möglichst vieler Blueprints aus. Blueprints sind Projekte und mutige Vorreiter im Hinblick auf eine nachhaltige Welt, welche bereits heute Handlungsalternativen darstellen. Durch diese Blueprints werden Lernprozesse angestoßen und immer mehr Menschen von der Bewegung überzeugt, bis sich diese letztendlich zum Mainstream entwickelt.

Die Gemeinwohlökonomie stellt eine Möglichkeit für Unternehmen dar, erste Schritte in Richtung eines Umdenkprozesses einzuleiten. Herr Wittke verdeutlicht, dass die Gemeinwohlökonomie auf gemeinwohl-fördernden Werten aufgebaut ist. Sie ist ein Veränderungshebel auf wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene. Der Zweck des Wirtschaftens und die Bewertung von Unternehmenserfolg werden anhand gemeinwohl-orientierter Werte definiert. Ziel des Engagements ist ein gutes Leben für alle Lebewesen und den Planeten. Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung sind dabei die zentralen Werte.

Prof. Dr. Dr. Wagner vertritt eine gegenseitige Position. Er sieht kein Problem mit unserer bisherigen Art des Wirtschaftens und hofft auf mehr Wachstum, lediglich in anderen Bereichen der Wirtschaft, zum Beispiel der Pflege. Als Herausforderung entpuppt sich während der Diskussion die Unterscheidung zwischen Wachstum auf der Makro- und auf der Mikroebene. Überraschenderweise sprechen sich insbesondere die Vertreter der freien Wirtschaft für mehr staatliche Regulierungen aus. Viele Unternehmer würden sich freuen, wenn sie nicht mehr wachsen müssten. Der Wachstumsdruck stammt von den Erwartungen der Aktionäre und Eigentümer. Wettbewerbsdruck und Konsolidierungsprozesse erzwingen eine kontinuierlich gute Performance und steigendes Wachstum. Wenn staatliche Regulierungen gleiche Bedingungen für alle Teilnehmenden des Wettbewerbs schaffen, würden Unternehmen ohne Risiko alternative Produktions-, Produktlebenszyklus- und Wirtschaftsmodelle nutzen. Bisher impliziert eine Umsetzung alternativer Strategien, welche möglicherweise ohne Unternehmenswachstum auskommen, ein erhöhtes Risiko die Existenz des Unternehmens zu gefährden, da die Nachfrage der Konsumenten Umsatzunterschiede bisher nicht kompensieren kann. Dem Vorschlag der vermehrten Regulierung setzt die Gemeinwohlökonomie ein Bonus-, statt Bestrafungssystem gegenüber. Beispiel ist hier ein verringerter Mehrwertsteuersatz für Unternehmen und Gemeinden mit einer Gemeinwohlbilanzierung. Positives Verhalten soll verstärkt werden, um Vorteile für Vorreiter zu schaffen.

Kritisiert wird auch die Diskussion auf theoretischer Ebene und ihre mögliche, bzw. unmögliche Übersetzung in die Praxis. Die GWÖ Bilanz bietet eine Möglichkeit für Unternehmen die Unternehmensstrategie fit für die Zukunft zu machen, und sich nachhaltig auszurichten. Ein Wandel der Nachfrageseite ist jedoch unerlässlich. Prof. Dr. Paech hofft hier auf das Konzept der sozialen Diffusion. Kritisch merkt Prof. Dr. Paech bezüglich der Gemeinwohlökonomie an, dass unterschiedliche Dimensionen in der Gemeinwohlbilanz miteinander verrechnet werden, um zu einem Ergebnis zu gelangen. Ökologische Grenzen und die Ökosphere werden so verhandelbar. Dies ist seiner Meinung nach nicht richtig, da alles menschliche Handeln durch die natürlichen Grenzen unseres Planeten bestimmt werden sollte.

Im Anschluss an die Diskussion wird das Podium für die Teilnehmenden geöffnet. Unteranderem wird auf die Unterscheidung zwischen immateriellem und materiellem Wachstum hingewiesen. Auch Beispiele der Umsetzung eines Systems, welches positives Verhalten stärkt werden genannt. Vorreiter ist hier Schweden, wo weniger Umsatzsteuer gezahlt werden muss von BürgerInnen, welche recyceln. Angemerkt wird abschließend, dass Wohlstand zukünftig anders definiert werden könnte, um den Wunsch nach anderem und alternativem Verhalten bei den Konsumenten zu erzeugen.