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Brave new Arbeitswelt 4.0 – Digital Factory and social Sustainability

Die Hannover Messe ist die bedeutendste Industriemesse und Innovationsgütermesse der Welt. Mit über 5200 Aussteller, 190.000 Besuchern und über 1500 Vorträgen ist sie nicht nur für Deutschland, sondern weltweit bedeutend. Sustainability workx war dieses Jahr auf der Hannover Messe Premium Partner des CAE Forums und machte Nachhaltigkeit zum Thema, um zum digitalen und sozialen Weiterdenken und Diskutieren anzuregen. Denn auf dem Messegelände treten viele Unternehmen mit ihren Innovationen und Ideen in Erscheinung, Nachhaltigkeit ist jedoch selten ein zentraler Aspekt.
Frau Dr. Anke Butscher und Frau Dr. Ulrike Eberle stellten dar, dass die Digitalisierung seit einigen Jahren mit rasanteren technologischen Entwicklungen Einzug in Unternehmen hält. Dadurch wird in zunehmendem Maße auch die Art und Weise, wie Mitarbeitende in Unternehmen (zusammen-) arbeiten, verändert. Welche Chancen und Herausforderung ergeben sich daraus und wie lassen sich diese Veränderung in Einklang bringen mit einem werteorientierten und menschenzentrierten Ansatz? Die nachhaltigen Entwicklungsziele 2030 der Vereinten Nationen oder Sustainable Development Goals dienten dazu als Betrachtungs- und Bezugsrahmen.

Um sich der Digitalisierung und der Arbeitswelt 4.0 anzunähern wurden fünf Dimensionen der Veränderung benannt.

Unser Arbeitsalltag ist durch die Digitalisierung komplexer geworden. Transparenz und Informationsbereitstellung spielen eine immer größere Rolle. Information werden über eine Vielzahl von Kanälen gesendet und empfangen, ununterbrochen werden uns Informationen zur Verfügung gestellt und bieten damit nicht nur eine Möglichkeit der individuellen Weiterentwicklung, sondern sind auch Herausforderung. Multi-Tasking wird als Kernkompetenz immer wichtiger. Komplexität in dieser Dimension erhöht die Belastung und führt zu stetiger Beschleunigung unseres Umfeldes, beruflich und privat. Die Geschwindigkeit im Unternehmen nimmt zu, Mitarbeiter*innen müssen agil und flexibel sein und neue Technologien und Entwicklungen führen zur Disruption mancher Arbeitsbereiche und sind unvorhersehbar. All dies kann zu mehr Stress und erhöhter Belastung führen. Dennoch bringt erhöhte Komplexität einen maßgeblichen Gewinn an Informationsversorgung und ermöglicht damit Innovation und Fortschritt, mehr Wissen und neue Wege des Arbeitens.

Eine weitere, wichtige Dimension der Digitalisierung ist Flexibilität in Bezug auf Raum und Zeit. Die Balance aus Privatem und Beruf wird immer wichtiger. Dank mobiler Verbindungen und Anschlüsse können wir Aufgaben an jedem Ort wahrnehmen und immer häufiger werden flexible Arbeitszeitmodelle eingesetzt. Arbeiten wird dadurch ein geringeres Hindernis für Familie und Freizeit, ohne dass Arbeitnehmer*innen ihre Pflichten vernachlässigen müssen. Eine Gefahr dieser neuen Flexibilität ist die Verschmelzung von Privatem und Beruf. Denn die Abgrenzung zwischen privatem und beruflichem Raum wird immer schwieriger, ständige Erreichbarkeit setzten Arbeitnehmer*innen stetig unter Druck, Verpflichtung und Anspruch steigen und das Abschalten nach der Arbeit fällt schwerer, als mit festen Arbeitszeiten und –orten.

Mit der Digitalisierung hat sich auch die Dimension des lebenslangen Lernens verändert und verbessert. Weiterentwicklung heißt neues Lernen im Job über die Arbeitszeit hinweg, Routine und Langeweile werden aufgebrochen und stellen eine positive Herausforderungen dar. Wissen entwickelt sich schnell weiter und bringt die Welt voran. Dadurch erhöht sich jedoch auch der Wettbewerb von Mitarbeiter*innen, der Unternehmensumgebung und auf dem Arbeitsmarkt. Der Umgang mit neuen Tools und Systemen kann für einzelne Arbeitnehmer*innen schwierig sein und eine dauerhafte Überforderung darstellen. Einzelne Teilnehmer*innen unserer Gesellschaft und Arbeitswelt werden möglicherweise abgehängt.

Einfluss nimmt die Digitalisierung auch auf Teamstrukturen und die Interdisziplinarität und Dynamik von Teams. Komplexe Probleme können schneller gelöst werden. Innovationen werden beschleunigt. Die Integration von transkulturellem Wissen gelingt besser und trägt positiv zu den Innovationen und Teamstrukturen bei. Diese neue Dynamik in Teams birgt die Chance, zu einem positiveren Setting für Unternehmen zu führen, und Wissen und Unternehmenseinheiten stärker zu vernetzen. Allerdings birgt diese Dimension der Digitalisierung auch ein Risiko. Der Wegfall stabiler Strukturen und die Anforderungen an hohe Flexibilität und Fähigkeit sich auf immer neue Teams einzulassen, kann zu einem Verlust an Kompetenzen einzelner Mitarbeiter*innen führen, und/ oder die Performance des Teams und das Unternehmensklima negativ beeinflussen.

Eine letzte, im Vortag gewählte Dimension, ist die Automatisierung und Vielfalt. Die Technologie unterstützt Menschen aller Branchen bei ihrer Arbeit, birgt das Potenzial die Ergebnisse zu verbessern, und erleichtert in manchen Bereichen die Tätigkeit. Kritische Aspekte der Automatisierung und Vielfalt sind der Verlust von Arbeitsplätzen. Durch fortschreitende und vermehrte Automatisierung wird der Beitrag des Menschen an der Wertschöpfungskette unbedeutender und die menschliche Vielfalt und Innovation nimmt ab. Es sei hier kritisch vermerkt, dass der Abbau von Arbeitsplätzen im Zuge der Automatisierung auch kompensiert werden kann durch die Schaffung vieler neuer Stellen im technischen Bereich. Während der anschließenden Podiumsdiskussion konnte hier kein Konsens erreicht werden. Eine Verlagerung der Bereiche, in denen menschliche Arbeitskraft eingesetzt wird, ist zukünftig jedoch wahrscheinlich.

Nach diesem Überblick über unterschiedliche Dimensionen der Digitalisierung und Arbeitswelt 4.0 rückt nun der Einfluss dieser Dimensionen auf die SDG ins Zentrum des Vortrages.

Die SDGs wurden 2015 von der Staatengemeinschaft verabschiedet und konkretisieren erstmals weltweite Ziele der nachhaltigen Entwicklung. Sie stellen die Nachfolge der Millenium Development Goals dar und richten sich an alle Länder der Welt (Paradigmenwechsel).

Zentral, im Bezug auf die Digitalisierung und Arbeitswelt 4.0, sind die SDG 4, 8, 5 und 10. (Diese sind unter https://sustainabledevelopment.un.org/ oder http://abcconsult.net/hallo-welt/ nachzulesen).
Die Dimension lebenslanges Lernen wirkt sich positiv auf „Promote lifelong learning opportunities for all“ (SDG 4) aus und Dimension der Arbeitswelt 4.0 und SDG ergänzen sich. Die Digitalisierung geht hier demnach Hand in Hand mit einer Nachhaltigkeitsdimension der SDG.

Automatisierung und Vielfalt in der neuen Arbeitswelt 4.0 steht in positiver Beziehung zu „Reduce inequalities within and among countries“ (SDG 10). Ungerechtigkeiten zwischen Ländern und in Ländern können reduziert werden, durch sich annähernde und angleichende technische Standards, internationale Teams und einen Austausch auf globaler Ebene. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Ländern gemeinsam in einem Team arbeiten, ist es wahrscheinlich, dass sich Standards, etc. auf andere Teams der jeweiligen Länder übertragen und somit alle Länder irgendwann gleichberechtigt sind. Dieser Aspekt der Digitalisierung unterstützt demnach Unternehmen und Gesellschaft auf dem Weg zu nachhaltigem Verhalten und Wirtschaften.

“Full and productive employment and decent work for all” (SDG 8) steht hingegen im Zielkonflikt mit der obengenannten Dimension Automatisierung und Vielfalt. Die moderne und zukünftige Arbeitswelt 4.0 wird weniger menschliche Arbeitskraft in einigen Bereichen benötigen und menschliche Arbeit vermehrt mit modernen Technologien und technischer Unterstützung verzahnen. Es ist fraglich, ob die wegfallenden Arbeitsplätze durch neue Stellen in anderen Bereichen ersetzt werden können, und, ob die gleiche Gruppe von Arbeitnehmer*innen fähig und bereit ist diesen neuen Tätigkeiten nachzugehen. Dieser Zielkonflikt sollte in Zukunft adressiert und diskutiert werden, um mögliche Lösungsansätze zu finden, und nachhaltiges Verhalten, Wirtschaften und Arbeiten in der neuen Arbeitswelt zu unterstützen.

Weiterhin beeinflussen die verschiedenen Dimensionen der neuen Arbeitswelt 4.0 die unterschiedlichen Ziele der SDG unterschiedlich, in einigen Aspekten positiv und negativ zugleich. „Promote lifelong learning opportunities for all“ (SDG 4) wirkt auf die Dimension Komplexität positiv und negativ ein. Zum einen haben Menschen überall und ständig Zugang zu Wissen und es fällt ihnen deshalb einfacher, lebenslanges Lernen umzusetzen. Zum anderen hat sich die Halbwertszeit von Wissen verkürzt und wir stehen unter dem Druck des ständigen Fortschritts. Dies kann dazu führen, dass die erhöhte Komplexität der Arbeitswelt 4.0 Menschen überfordert, sie aus neuen Lern- und Entwicklungsprozessen herausfallen.

Ebenso tragen Flexibilität, Raum und Zeit, und Lebenslanges Lernen positiv und negativ zu “Full and productive employment and decent work for all” (SDG 8) bei. Durch ständige Erreichbarkeit und die geringere Trennung von Arbeits- und Privatleben sind Mitarbeiter*innen produktiver. Gleichzeitig impliziert erhöhte Flexibilität nicht, dass mehr Menschen arbeiten, sondern eher, dass weniger Menschen durch mehr Einsatz fähig sind, die Arbeit von mehr Menschen zu übernehmen. Lebenslanges Lernen ist Voraussetzung für sinnstiftende und ehrbare Arbeit. Demnach beeinflusst diese Dimension der Arbeitswelt 4.0 die Zielerreichung auf dem Weg zur Nachhaltigkeit positiv. Dennoch stellt die Forderung an lebenslange, fortschreitende Entwicklung auch eine Bedrohung für die Arbeitnehmer*innen dar, welche nicht fähig sind mitzuhalten.

Die Dimension Teamstrukturen und Hierarchien wirkt sich variabel auf „Gender equality“ (SDG 5) und „Reduce inequalities within and among countries“ (SDG 10) aus. Positive Veränderungen der Teamstrukturen durch Digitalisierung und Technisierung sind weltweite Spill-over Effekte im Bezug auf Geschlechtergerechtigkeit, transkulturelle Kompetenzen und Teamzusammensetzung, Respekt füreinander und im Umgang miteinander. Dennoch können sich durch Digitalisierung und Technisierung auch verstärkt Ungerechtigkeiten verbreiten, zum Beispiel durch unterschiedlichen Zugang zu finanziellen Mitteln, um technischen Fortschritt zu ermöglichen. Manche Länder können sich schneller entwickeln und halten mit dem technischen Fortschritt mit, andere werden abgehängt und haben im globalen Gefüge der Wirtschaft und Technik keine Chance schrittzuhalten.

Abschließend ist zu sagen, dass die Globalisierung und Technisierung keine Bedrohung der Nachhaltigkeit und Umsetzung der SDG darstellt, sondern vielmehr an einer Verzahnung beider gearbeitet werden muss, um Zukunft zu gestalten. Ziel sollte es sein eine digitale, technisierte und moderne Arbeitswelt 4.0 zu schaffen, und mit dieser Nachhaltigkeitszeile global umzusetzen. Die Dimensionen der Digitalisierung und Technisierung sind eine Chance, Nachhaltigkeit nicht nur durch Strategien und Maßnahmen einzelner Länder voranzubringen, sondern die Zivilgesellschaft Verantwortung erkennen und übernehmen zu lassen. Gleichzeitig bestehen an vielen Stellen Zielkonflikte und Risiken, welche in Zukunft offen diskutiert und angesprochen werden sollten, um das Bewusstsein für Nachhaltigkeit und unsere Verantwortung für diese Welt und Arbeitswelt zu verstärken.

(Text: Hannah Elisabeth Kurnoth, nach einem Vortrag von Dr. Anke Butscher und Dr. Ulrike Eberle auf der Hannover Messe, am 26.04.2017)